Als die Zeit still stand

Den Titel hatte ich drei Monate im Kopf und wusste nicht,
wie ich das Gedicht anfangen sollte
An einem Freitag ein paar Wochen vor meinem 50. Geburtstag habe ich mich dann hingesetzt
und es in drei Stunden geschrieben. Leider konnte ich es auf der Feier nicht vortragen,
da Renate, für die ich diese Zeilen geschrieben habe, nicht kommen konnte.
Vieleicht war das auch besser so: ich habe es, direkt nachdem ich es fertig hatte,
Biggi und Julia vorgelesen, aber es fiel mir sehr sehr schwer.
Es beschreibt die Minuten, bevor ich am Morgen des 19. Februar 1969 für 3 Tage starb.

Wäre ich doch bloß rechtzeitig nach Torremolinos geflüchtet.

Als die Zeit still stand


Es war einmal ein so begabtes Kind,
das liebend gern in die Schule ging,
das stets beim Lernen so viel Freude empfand,
daß beim Lernen für das Kind - dann die Zeit still stand.

Es war einmal ein so fröhlicher Jung,
der trieb sich so gern auf dem Bolzplatz rum,
der am Liebsten beim Fußball im Tor nur stand,
das liebte er so sehr - daß die Zeit still stand.

Es war einmal ein so glücklicher Boy,
der verschlang jede Nacht den wilden Westen von Karl May,
der träumte dabei, er sei der berühmte Old Shatterhand,
und er las und er träumte so lang - daß die Zeit still stand.

Es war einmal so ein richtiger Fent,
so wie in Ostfriesland man die Jungs hat genennt,
der den Schirm und die Melone von John Steed so super fand,
und den Charme von Emma Peel so toll - daß die Zeit still stand.

Es war einmal ein so freudiger Knabe,
der fuhr freudig zu Schule, auf des Rades Nabe,
und es war haushoher Schnee, überall am Straßenrand,
und es nahte die Stund´ - daß die Zeit still stand.

Es war einmal ein Käfer, der auf vier Rädern fuhr,
und er überholte einen anderen, er verließ seine Spur
und hat den fröhlichen Jungen auf der Straße nicht erkannt,
und da war sie da, die Sekund`- als die Zeit still stand.

Es war einmal ein junges Fräulein, das lief durch den Schnee,
da hörte es ein Krachen: Was war da nur geschehn?
Und es rannte zur Straße, wo den leblosen Knaben es fand,
ein paar Augenblicke nur - nachdem die Zeit still stand.

Es war dieses junge Fräulein, das am Straßenrand kniet,
und bei dem zerschundenen Knaben nach den Wunden sieht.
Daß er nicht ganz tot, hat sie wohl gleich erkannt,
aber sie hat auch gesehn - daß für ihn die Zeit still stand.

Ich hab sie nie gefragt, was an diesem Morgen alles lief,
als ich am Straßenrand den Schlaf der Toten schlief,
wie sie mich versorgte, mit ihrem Erste-Hilfe-Wissen,
wie sie mich bettete, mit ihrer Jacke als Kissen,
woher sie hatte die Kraft, in diesen schweren Minuten,
sich zu kümmern um die Wunden, um all das viele Bluten,
was sie hat gedacht, als ich lag an des Lebens Strand,
zerbrochen, zerschlagen - als für mich die Zeit still stand.

Den Dank dafür, hab ich stets in meinem Herzen getragen,
und das heute genau seit sechsunddreißig Jahren,
im Namen meiner drei Kinder geb ich hiervon jetzt Kunde,
vor all meinen Freunden, hier in dieser lieben Runde,
es gebührt nämlich Dir, Renate, unglaublich großer Dank,
daß die Zeit für mich - nur an drei Tagen still stand.



Die Feier fand am 19. Februar 2005 statt.


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